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Einführung in das Altitalienische. 10. Januar 2011 Alttoskanisch. Vom späten Mittelalter bis zur frühen Neuzeit. Der Wandel des Volgare am Beispiel des Florentinischen (zw. 1250-1400). Der Wandel des Volgare (Florenz).

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Presentation Transcript
einf hrung in das altitalienische

Einführung in das Altitalienische

10. Januar 2011

Alttoskanisch

der wandel des volgare florenz
Der Wandel des Volgare (Florenz)
  • Es gibt noch kein institutionalisiertes Sprachmodell und keine Wahrnehmung des Wandels als Verfall durch traditionsbewusste Sprachwächter
  • Die neuen sprachlichen Strukturen werden daher problemlos in den Texten eingesetzt
  • Sprachwandelprozesse lassen sich mithilfe von schriftlich überlieferten Texten rekonstruieren
sprachwandel des florentinischen
Sprachwandel des Florentinischen
  • Zu den charakteristischen Zügen des archaischen Florentinischen, die es von späteren Phasen abgrenzen, gehört z.B. das Vorherrschen des männlichen Artikels lo gegenüber il.
  • Die Endungen der ersten Person Plural -emo und -imo waren trotz des ersten Auftretens von -iamonoch sehr vital, während -amo frühzeitig durch -emo ersetzt worden war.
  • Auch syntaktische Konstruktionen wie mógliama, casasaetc., die in späteren Jahrhunderten nur südlich der Toskana überlebten, waren noch möglich.
sprachwandel des florentinischen1
Sprachwandel des Florentinischen
  • Die syntaktische Autonomie von il gegenüber lo ist zwar seit 1277 belegt, aber noch bei Dante überwiegt lo.
  • Die Konjugationsendung -iamo ist zwar bereits in den frühesten literarischen Texten anzutreffen, konnte sich aber noch nicht völlig durchsetzen.
  • So verwendet Dante neben -iamo auch häufig noch die Endung -emo (avemo, conoscemo, vivemo, vedemo etc.).
  • Die Passato-remoto-Endungen der dritten Person Plural lauteten noch meistens -aro, -ero, -iro
  • gegenüber später normalem -arono, -erono und -irono.
sprachwandel des florentinischen2
Sprachwandel des Florentinischen
  • Der männliche Artikel il hatte sich endgültig gegenüber lo durchgesetzt, dessen Gebrauch nunmehr auf bestimmte Konstellationen beschränkt war (vor Vokal mit Apostrophierung, vor s + Konsonant sowie nach per).
sprachwandel des florentinischen3
Sprachwandel des Florentinischen
  • Die Endung -emo ist von -iamo weitgehend verdrängt worden, aber noch nicht völlig außer Gebrauch (z.B. avemo bei Boccaccio).
  • Die Pronomina lei und lui wurden bereits im Nominativ verwendet, stellten aber noch nicht den Normalfall dar.
  • Die Endung der ersten Person Singular Indikativ Imperfekt lautete noch -a (ioaveva, era, amava etc.).
  • Die Passato-remoto-Endungen -aro, -ero, -iro wurden durch -arono, -erono und -irono ersetzt.
sprachwandel des florentinischen4
Sprachwandel des Florentinischen
  • Zu den markantesten Merkmalen gehören die Ausdehnung von el auf Kosten von il (ohne dieses jedoch völlig zu verdrängen),
  • die Verwendung invariabler Possessivpronomina (Sg. mie, tuo, sua; Pl. mia, tua, sua),
  • die Ersetzung von -ano durch -ono (lavono), die durch Analogie mit dem Präsens entstandene erste Person Singular Imperfekt auf -o (io lavavo statt iolavava),
sprachwandel des florentinischen5
Sprachwandel des Florentinischen
  • die Ersetzung der Passato-remoto-Endung -arono durch -orono und -orno, die Ersetzung von -iamo durch -iano in der ersten Person Plural (laviano statt laviamo),
  • die Ersetzung von -ero durch -eno im Passato remoto, Konditional und Konjunktiv Imperfekt (disseno, lavasseno, laverebbeno statt dissero, lavassero, lavarebbero) etc.
  • Diese innovativen Formen alternierten je nach Autor mit den älteren.
sprachwandel des florentinischen6
Sprachwandel des Florentinischen
  • Im Florentinischen haben sich lat. [ĕ] und [ŏ] auch nach [r] zu [jɛ] und [wɔ] entwickelt: priego(= it. prego), pruova(= it. prova), truova (= it. trova) etc.;
  • im Westtoskanischen (z.B. im Bestiariotoscano [ca. 1300]) gilt diese Regel nicht: prego, pregano, trova, trovano;
  • im Florentinischen fehlt der Diphthong in der Regel vor Palatallauten: figliolo;
  • im Westtoskanischen hingegen tritt hier meistens die Diphthongierung ein: filliuoli (Bestiario).
sprachwandel des florentinischen7
Sprachwandel des Florentinischen
  • Der Wandel von vortonischem [ar] zu [er] ist im Florentinischen belegt: loderò;
  • in Siena hingegen entwickelt sich nachtonisches [er] zu [ar]: lat. vivere > vìvare (vs. it. vivere).
  • Seit ca. 1250 ist die Synkopierung von averò, doverò, poterò etc. zu avrò, dovrò, potrò etc. zu beobachten.
  • In Giambullaris Florentinischer Grammatik von 1551 finden wir arò etc.
  • Der Diphthong <ia> wandelt sich zu <ie>: sia > sie, siano > sieno etc.
sprachwandel des florentinischen8
Sprachwandel des Florentinischen
  • Der Plural auf -ora, der in Süditalien wesentlich vitaler ist, findet auch im Toskanischen noch Verwendung:
    • arcora (= it. archi)
    • campora (= it. campi)
    • pratora (= it. prati)
    • luogora (= it. luoghi)
    • etc.
  • zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert wird diese Pluralbildungsmöglichkeit außer Gebrauch kommen.
sprachwandel des florentinischen9
Sprachwandel des Florentinischen
  • Der männliche Artikel lo ist noch dominant, doch auch die Variante il, die zuvor nur bei vorangehendem Vokal möglich war (Gröbersches Gesetz), verselbständigt sich allmählich; im Plural alternieren li, i und gli; in den Dialekten der Westtoskana wird im Singular el und im Pl. e’ verwendet;
  • sporadisch kommen diese Formen auch in Florenz zum Einsatz.
sprachwandel des florentinischen10
Sprachwandel des Florentinischen
  • Die dritte Person Plural Indikativdere-Konjugation -eno (< lat. -ent) istnoch vital: cadeno (= it. cadono), conosceno (= it. conoscono), dormeno (= it. dormono), cresceno (= it. crescono) etc.
sprachwandel des florentinischen11
Sprachwandel des Florentinischen
  • Die enklitischen Possessivpronomina -mo, -ma, -sa etc. sind noch vital:
    • mógliama (= it. mia moglie),
    • càsasa (= it. lasua casa) [Florenz];
    • fratelma(= it. mio fratello),
    • cognàtoma (= mio cognato) [Siena 13. Jh.]. .
    • “Liiij. soldi dispesi in uno convito che feci a cognatoma . . . “
exkurs zu mogliama
Exkurs zu „mogliama“
  • Die Form wurde in Florenz allerdings über das Mittelalter hinaus verwendet, z.B. von N. Machiavelli im Theaterstück Clizia…
    • […]
    • Pirro: Che sarà poi?Cleandro: Rizza gli orecchi, Cleandro!Nicomaco: Io ho imposto a mogliama che chiami Sostrata, moglie di Damone, …
exkurs zu mogliama1
Exkurs zu „mogliama“
  • …sowie im Stück Mandragola:
    • Nicia: Una fatica ci resta, e d'importanza.Callimaco: Quale?Nicia: Farne contenta mogliama, a che io non credo ch'ella si disponga mai.
exkurs zu mogliama2
Exkurs zu „mogliama“

Die Form ist auch bei dem Florentiner

Kommödienautor Giovanni M. Cecchi

(16.Jh.) belegt.

Vgl. auch Vocabolario degli Accademici della

Crusca (1612):

MOGLIAMA. Mia moglie. Lat. mea uxor. Bocc. 76. 8. Mogliama nol mì crederrà. Sen. Pist. E' ti ricorda bene della pazza, che fu di mogliama.

Ausgabe von 1750

alttoskanisch
Graphie

Phonetik/Phonologie

Morphosyntax

Alttoskanisch
alttoskanisch graphie
Alttoskanisch - Graphie
  • Alternanzzwischen <k> und <ch> zurWiedergabe von [k]: ke (= it. che); chuore (= it. cuore), chose (= it. cose), chome (= it. come).
  • Sporadische Verwendung von <k> und <q> zur Wiedergabe von [g]: Kerardi (= it. Gherardi); quadannio (= it. guadagno) [Pistoia 1259].
  • DieVerbindungen <th> (insbes. in Pisa, Lucca, Pistoia) und <tz> (z.B. in Florenz) dienenzurWiedergabe von [ts]: vethosa (= it. vezzosa); in Pisa und Lucca repräsentiert <z> häufigstimmhaftes -s- [z]: bizogno (= it. bisogno), uzare (= it. usare).
alttoskanisch phono graphematik
Alttoskanisch – Phono-Graphematik
  • Im Florentinischen haben sich lat. [ĕ] und [ŏ] auch nach [r] zu [jɛ] und [wɔ] entwickelt: priego (= it. prego), pruova (= it. prova), truova (= it. trova) etc.;
  • im Westtoskanischen (z.B. im Bestiario toscano [ca. 1300]) gilt diese Regel nicht: prego, pregano, trova, trovano;
  • im Florentinischen fehlt der Diphthong in der Regel vor Palatallauten: figliolo;
  • im Westtoskanischen hingegen tritt hier meistens die Diphthongierung ein: filliuoli (Bestiario).
alttoskanisch phono graphematik1
Alttoskanisch – Phono-Graphematik
  • Der Wandel von vortonischem [ar] zu [er] ist im Florentinischen belegt: loderò; in Siena hingegen entwickelt sich nachtonisches [er] zu [ar]: lat. vivere > vìvare (vs. it. vivere).
  • Seit ca. 1250 ist die Synkopierung von averò, doverò, poterò etc. zu avrò, dovrò, potrò etc. zu beobachten.
  • Der Diphthong <ia> wandelt sich zu <ie>: sia > sie, siano > sieno etc.
alttoskanisch phono graphematik2
Alttoskanisch – Phono-Graphematik

Zahlreiche Wörter zeigen eine Sonorisierung der intervokalischen Verschlusslaute: imperadore (= it. imperatore), armadura (= it. armatura), savere (= it. sapere) etc.

Vor [s] + Konsonant wird prosthetisches [i] gesetzt.

Bei den Pluralformen der Wörter auf -co und -go treten in der Graphie Schwankungen auf: cuoci (= it. cuochi), cronice (= it. cronache).

alttoskanisch morphologie
Alttoskanisch - Morphologie

Der Plural auf -ora, der in Süditalien wesentlich vitaler ist, findet auch im Toskanischen noch Verwendung: arcora (= it. archi); campora (= it. campi), pratora (= it. prati), luogora (= it. luoghi) etc.; zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert wird diese Pluralbildungsmöglichkeit außer Gebrauch kommen.

alttoskanisch morphosyntax
Alttoskanisch - Morphosyntax
  • Der männliche Artikel lo ist noch dominant, doch auch die Variante il, die zuvor nur bei vorangehendem Vokal möglich war (Gröbersches Gesetz), verselbständigt sich allmählich; im Plural alternieren li, i und gli; in den Dialekten der Westtoskana wird im Singular el und im Pl. e’ verwendet; sporadisch kommen diese Formen auch in Florenz zum Einsatz.
  • Die dritte Person Plural Indikativdere-Konjugation -eno (< lat. -ent) istnoch vital: cadeno (= it. cadono), conosceno (= it. conoscono), dormeno (= it. dormono), cresceno (= it. crescono) etc.
alttoskanisch morphosyntax1
Alttoskanisch - Morphosyntax

Die enklitischen Possessivpronomina -mo, -ma, -sa etc. sind noch vital: mógliama (= it. mia moglie), càsasa (= it. lasua casa) [Florenz]; fratelma (= it. mio fratello), cognàtoma (= mio cognato) [Siena].

Die Grenzen zwischen Bei- (Parataxe) und Unterordnung (Hypotaxe) sind noch nicht klar ausgeprägt.

alttoskanisch syntax
Alttoskanisch - Syntax
  • Wenn dem Hauptsatz der Nebensatz vorangeht, kann dieser durch e oder sì (= così eingeleitet werden.
  • Zur Bezeichnung dieses Phänomens hat sich der Ausdruck Parahypotaxe eingebürgert:
    • E quando ei pensato alquanto di lei, ed io ritornai a la mia debilitata vita [Dante];
    • S’io dissi falso, e tu falsasti il conio [Dante]
parahypotaxe treccani on line
Parahypotaxe (Treccani on-line)
  • paraipotassi s. f. [comp. di para(tassi) e ipotassi]. – Procedimento sintattico, largamente diffuso nell’italiano dei primi secoli, in cui l’ipotassi (subordinazione) è modificata da un elemento proprio della paratassi (coordinazione), così che il periodo si costruisce premettendo una prop. secondaria (temporale, condizionale, comparativa, o anche causale), di forma esplicita o di forma implicita, al gerundio o al part. pass., e riprendendo la prop. principale con e (o anche sì, nel senso di così), o altra parola pleonastica (per es., con e: in Dante, Inf.XXX, 115: s’io dissi falso, e tu falsasti il conio; o in Boccaccio, DecameronVIII, 9: E finita la canzone, e ’l maestro disse ...).
alttoskanisch syntax1
Alttoskanisch - Syntax
  • Die klitischen Pronomina können nicht am Satz- oder Versanfang stehen, ebensowenig nach den Konjunktionen e und ma (Tobler-Mussafia-Gesetz):
    • e dissegli (= it. e gli disse)
  • Im Florentinischen des 13. Jahrhunderts geht das Akkusativobjekt noch häuig dem Dativobjekt voran:
    • lo mi (= it. me lo)
avere morphologie
AVERE - Morphologie
  • (1) Die Form abbo (mit der Variante abo) stammt aus dem Dialekt von Siena. Sie ist normal bei CeccoAngiolieri (z.B. „tantabbo di Becchinanovellato“), während Dante sie zur Aufrechterhaltung des Reims einsetzt: gabbo - abbo - babbo. Im Sienesischen diente abbo in der ersten Person Singular auch zur Bildung des Futurs: dirabbo (it. dirò), farabbo (it. farò), metterabbo (it. metterò) etc. (vgl. Rohlfs II, § 587). Die Variante aggio (< lat. habeo) ist auch in süditalienischen Mundarten anzutreffen.
avere morphologie1
AVERE - Morphologie
  • (3) Die Konditionalform avrebbeno geht aus einer Kontamination von avrebbero mit und der Präsensendung -eno der Verben der e-Konjugation hervor, die in einigen toskanischen Dialekten existierte, z.B. in Lucca (vgl. Rohlfs II, § 532). Sie konkurrierte mit avriano.
  • (4) Die Imperfektformavavate ist offensichtlich unter dem Einfluss der a-Konjugation entstanden (amavate, cantavate etc.).
  • (5) Die Passato-remoto-Form ebbeno stellt wiederum eine Kreuzung aus ebbero (< lat. habuerunt) und der regional verbreiteten Präsensendung -eno der e-Konjugation dar.
avere morphologie2
AVERE - Morphologie
  • (2) Die erste Person Plural habemus hat sich zunächst regulär zu avemo weiterentwickelt und wurde dann durch die Konjunktivform abbiamo (< habeamus) verdrängt (vgl. Rohlfs II, § 541 und Manni 1994, 327-331).
avere morphologie3
AVERE - Morphologie

abbo = ho (Dante, Div. Comm., Inf. XXXII, 5)

io premerei di mio concetto il suco

piú pienamente; ma perch’io non l’abbo,

non sanza tema a dicer mi conduco;

ché non è impresa da pigliare a gabbo

discriver fondo a tutto l’universo,

né da lingua che chiami mamma o babbo

avere morphologie4
AVERE - Morphologie

aggio = ho (Petrarca, Canz. XCVI)

Io son de l’aspettar omai sì vinto

e de la lunga guerra de‘ sospiri,

ch‘ i‘ aggio in odio la speme e i desiri

ed ogni laccio ond’è ‘l mio core avinto.

avere morphologie5
AVERE - Morphologie
  • avemo = abbiamo (Dante, Div. Comm., Purg. IV, 86; Par.III, 72)
  • Ma se a te piace, volontier saprei
  • quanto avemo ad andar; ché ‘l poggio sale
  • più che salir non posson li occhi miei.
  • Frate, la nostra volontà quieta
  • virtù di carità, che fa volerne
  • sol quel ch’avemo, e d’altro non ci asseta.
avere morphologie6
AVERE - Morphologie

avrebbeno = avrebbero (Boccaccio, Dec., Giorn. VII, Nov. 7, 46)

... per la qual cosa, come che poi piú volte con Anichino e egli e la donna ridesser di questo fatto, Anichino e la ebbero assai agio di quello per avventura avuto non avrebbeno a far di quello che loro era diletto e piacere ...

avere morphologie7
AVERE - Morphologie

avrian(o) = avrebbero (Petrarca, Canz. CCCXLVIII)

... da le man, da le braccia che conquiso

senza moversi avrian quai più rebelli

fur d’Amor mai, da‘ più bei piedi snelli,

da la persona fatta in paradiso ...

avere morphologie8
AVERE - Morphologie

èbben(o) = ebbero (Petrarca, Canz. CXX)

Quelle pietose rime in ch’io m’accorsi

di vostro ingegno e del cortese affetto,

èbben tanto vigor nel mio conspetto

che ratto a questa penna la man porsi,...

essere morphologie
ESSERE - Morphologie

(1) Die alttoskanische Variante enno ‘sie sind‘ stellt eine Analogiebildung nach dem Vorbild der dritten Person Plural von dare, fare, sapere (danno, fanno, sanno) etc. dar und ist von der dritten Person Singular è abgeleitet.

Diese Form hat sich bis in die jüngste Zeit in toskanischen Dialekten erhalten: ènno iti (= it. sono andati), ènno tornati (= it. sono tornati) (vgl. Rohlfs II, § 540).

essere morphologie1
ESSERE - Morphologie

(2) Aus dem Infinitiv essere hat sich das regelmäßige Partizip essuto mit der aphäretischen Variante suto nach dem Vorbild der it. e-Konjugation entwickelt (Rohlfs II, § 622).

(3) Die Paragoge èe statt è wurde in der Regel durch das Reimschema erzwungen.

essere morphologie2
ESSERE - Morphologie
  • (4) Das Futur von essere besaß einige zusätzliche Formen, die aus dem Sprachgebrauch verschwunden sind: fia, fie (it. sarà), fiano, fieno (it. saranno).
  • Es handelt sich um Reliktformen des Indikativ und Konjunktiv von lat. fieri ‘werden’, ‘gemacht werden’, ‘geschehen’ (vgl. Kap. 4.6.5.n, Tab. 87), der Passivform von facere ‘machen’ (vgl. auch Rohlfs II, § 592).
essere morphologie3
ESSERE - Morphologie

(5) Im Konditional verwendete das Altflorentinische in der ersten und dritten Person Singular die Formen fora und saria (it. sarei;it. sarebbe).

Die Variante fora (vgl. Rohlfs II, § 602) geht auf das lat. Plusquamperfekt zurück.

Das Konditional auf -ia (saria, averia, voria etc.) ist seit dem Beginn der toskanischen Literatur belegt, aber seltener gegenüber den Formen auf -ei, -esti, -ebbe etc. (vgl. Rohlfs II, § 594).

essere morphologie4
ESSERE - Morphologie

enno = sono (Dante, Div. Comm., Inf. V, 38)

Intesi ch’a così fatto tormento

enno dannati i peccator carnali,

che la ragion sommettono al talento

essere morphologie5
ESSERE - Morphologie

suto, -a = stato, -a (Boccaccio, Dec., Giorn. II, Nov. 6, 55)

Quello che tu offeri di voler fare sempre il disiderai, e se io avessi creduto che conceduto mi dovesse esser suto ...

essere morphologie6
ESSERE - Morphologie

suto, -a = stato, -a (Boccaccio, Dec., Giorn. II, Nov. 6, 55)

Quello che tu offeri di voler fare sempre il disiderai, e se io avessi creduto che conceduto mi dovesse esser suto ...

essere morphologie7
ESSERE - Morphologie
  • èe = è (Dante, Div. Comm., Inf.XXIV, 90; Purg.XXXII, 10)
  • né tante pestilenzie né síree
  • mostrò già mai con tutta l’Etiopia
  • né con ciò che di sopra al Mar Rosso èe.
  • quando per forza mi fu volto il viso
  • ver la sinistra mia da quelle dee,
  • perch’io udi‘ da loro un „Troppo fiso!“;
  • e la disposizion ch’a veder èe
  • ne li occhi pur testé dal sol percossi,
  • sanza la vista alquanto esser mi fée.
essere morphologie8
ESSERE - Morphologie

fia = sarà (Dante, Div. Comm., Inf. I, 122; V, 135)

A le qua ‘ poi se tu vorrai salire,

anima fia a ciò piú di me degna:

con lei ti lascerò nel mio partire;

Quando leggemmo il disiato riso

esser baciato da cotanto amante,

questi, che mai da me non fia diviso,

la bocca mi baciò tutto tremante.

essere morphologie9
ESSERE - Morphologie
  • fieno = saranno (Dante, Div. Comm., Purg.XIII, 133)
  • „Li occhi“ diss’io „mifieno ancor qui tolti,
  • ma picciol tempo, ché poca è l’offesa
  • fatta per esser con invidia volti. [...]“
  • Troppo sarebbe larga la bigoncia
  • che ricevesse il sangue ferrarese,
  • e stanco chi ‘l pesasse a oncia a oncia,
  • che donerà questo prete cortese
  • per mostrarsi di parte; e cotai doni
  • conformi fieno al viver del paese.
essere morphologie10
ESSERE - Morphologie

fora = sarebbe (Petrarca, Canz. CCCLXVI)

... e per saperlo pur quel che n’avenne

fora avenuto, ch’ogni altra sua voglia

era a me morte, ed a lei fama rea.

essere morphologie11
ESSERE - Morphologie

saria = sarebbe (Boccaccio, Dec., Giorn. X, Nov.7, 21)

Forse che non gli saria spiacenza se el sapesse quanta pena i‘ sento, s’a me dato ardimento avesse in fargli mio stato sapere.

potere morphologie
POTERE - Morphologie
  • (1) Die dritte Person Singular Präsens puote leitet sich von lat. potest ‘er kann’ her.
  • Sie alternierte in mittelalterlichen Texten mit der heute üblichen apokopierten Form può.
potere morphologie1
POTERE - Morphologie

(2) Die Form ponno der dritten Person Plural Präsens stellt eine Analogiebildung zum Singular sowie zu Flexionsformen anderer Verben dar, wie z.B. danno, fanno oder stanno.

Sie alternierte im Mittelalter mit der diphthongierten Variante puonno.

Sie stellt eine Ableitung von der apokopierten Singularform può + -nno dar.

Durch Monophthongierung von puonno ist die Form ponno entstanden (vgl. hierzu auch Rohlfs II, § 547).

potere morphologie2
POTERE - Morphologie

(3) Die Konditionalform poria in der ersten Person Singular stellt eine Variante von potria dar.

(4) Formal identisch mit der ersten Person ist die dritte Person.

(5) Die Imperfektform potieno stellt eine Variante von potevano dar. Im vorliegenden Fall haben wir die Nachstellung des unbetonten Pronomens mi aufgrund des Tobler-Mussafia-Gesetzes.

potere morphologie3
POTERE - Morphologie

puote = può (Petrarca, Canz. LXV)

Non prego già, né puote aver più loco

che mesuratamente il mio cor arda;

ma che sua parte abbi costei del foco.

potere morphologie4
POTERE - Morphologie

ponno = possono (Petrarca, Canz. CCCLX)

Poi che suo fui, non ebbi ora tranquilla,

né spero aver, e le mie notti il sonno

sbandirò, e più non ponno...

potere morphologie5
POTERE - Morphologie

poria = potrei (Petrarca, Canz. LXXIII)

I‘ non poria già mai

imaginar, non che narrar, gli effetti

che nel mio cor gli occhi soavi fanno;

tutti gli altri diletti...

potere morphologie6
POTERE - Morphologie

poria = potrebbe (Petrarca, Canz. CXCIII)

ché quella voce infin al ciel gradita

suona in parole sì leggiadre e care,

che pensar no ‘l poria chi non l’à udita.

die dante rezeption1
Die Dante-Rezeption
  • Der Dichter und Philosoph Dante Alighieri wurde 1265 in Florenz geboren und verstarb 1321 in Ravenna.
  • Er bediente sich sowohl des Lateinischen als auch seiner Florentiner Muttersprache.
  • In letzterer verfasste er die Vita nuova (1294), das Convivio (1304-07) sowie sein Hauptwerk, die DivinaCommedia (1306-1321).
  • In der Gelehrtensprache Latein schrieb er sein unvollendet gebliebenes sprachphilosophisches Werk De vulgarieloquentia (1303-04) sowie den staatsphilosophischen Traktat De Monarchia (ca. 1313-18).
die dante rezeption2
Die Dante-Rezeption
  • Seinen literarischen Ruhm verdankt Dante jedoch ausschließlich der DivinaCommedia, deren Rezeption unmittelbar nach dem Tode des Dichters einsetzte.
  • Bereits sein Sohn, Jacopo Alighieri, schrieb Zusammenfassungen und Kommentare zum literarischen Hauptwerk des Vaters.
  • Einer der prominentesten Dante-Exegeten des 14. Jahrhunderts war wohl Giovanni Boccaccio, der einen Trattatello in laude di Danteverfasst hatte.
  • In zahlreichen italienischen Städten gab es öffentliche Lesungen über Dante.
die dante rezeption3
Die Dante-Rezeption
  • Gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurden erste Übersetzungen der Commedia ins Lateinische angefertigt, die als philosophisches und theologisches Werk hochgeschätzt war.
  • Die ersten Dante-Kommentare erschienen ausschließlich in lateinischer Sprache, bis gegen 1330 der Bologneser Jacopo della Lana den ersten vollständigen Kommentar in der Volkssprache verfasste.
  • Francesco da Butischrieb um 1385 eine lexikalisch-grammatisch-rhetorische Interpretation der DivinaCommedia unter Vernachlässigung des Inhalts.
die dante rezeption4
Die Dante-Rezeption
  • Während des lateinisch dominierten Humanismus im 15. Jahrhundert blieb Dante zwar in hohem Ansehen, doch vielen Gelehrten gefiel die Volkssprache nicht, die sich überdies in der Zwischenzeit stark gewandelt hatte.
  • Prominente Fürsprecher hatte Dante jedoch in dem Humanisten Leonardo Bruni (1370-1444) und vor allem in CristoforoLandino(1424-1498) mit seinem Comento sopra la Comedia (1481).
die dante rezeption5
Die Dante-Rezeption
  • Pietro Bembo (1470-1547), der im 16. Jahrhundert die Sprache der großen Trecentisten zum Modell erhoben hatte, gab 1502 zusammen mit dem Typographen Aldo Manuzio (1450-1515) in Venedig eine wichtige Dante-Ausgabe heraus, doch aus seinem ästhetischen Musterkanon wurden Dantes Sprache und Stil ausgeschlossen.
dantes divina commedia
Dantes DivinaCommedia
  • Die schriftliche und mündliche Verbreitung des Werkes
manuskripte der divina commedia3
Manuskripte der (Divina) Commedia

http://www.danteonline.it/italiano/codici_frames/codici.asp?idcod=204

Manuskript (15. Jh.)

Transkription

Codice 204  (Strozzi 152) Firenze - Biblioteca Medicea Laurenziana Carta:  1 Recto, Colonna 1   [Cantica: I   Canto: I    Versi 1-72] Visualizzazione attuale: trascrizione  con notazioni filologiche

manuskripte der divina commedia4
Manuskripte der (Divina) Commedia

Codice 231  (Fondo Nazionale II.I. 36) Firenze - Biblioteca Nazionale Centrale Carta:  4 Recto, Colonna 1   [Cantica: I   Canto: I    Versi 1-66] Visualizzazione attuale: trascrizione  con notazioni filologiche

Manuskript (15. Jh.)

Transkription

manuskripte der divina commedia unterschiedliche berlieferung
Manuskripte der (Divina) Commedia– unterschiedliche Überlieferung

Codice 204  (Strozzi 152) Firenze - Biblioteca Medicea Laurenziana Carta

Codice 231  (Fondo Nazionale II.I. 36) Firenze - Biblioteca Nazionale Centrale

manuskripte der divina commedia5
Manuskripte der (Divina) Commedia

Kopie von G. Boccaccio

Ausschnitt aus einer Illustration aus dem MS

Firenze / Biblioteca Riccardiana / Riccardiano / 1035 / (O. II. 17)/ XIV

die m ndliche verbreitung der divina commedia
Die mündliche Verbreitung der DivinaCommedia

Öffentliche Dante-Lesungen seit dem späten 14. Jh.

religi se kommunikation und diaphasische variation im 15 jh
Religiöse Kommunikation und diaphasische Variation im 15. Jh.
  • San Bernardino da Siena (1380 -1444 )
    • Studium der Grammatik, Rhetorik und Jurisprudenz in Siena
    • 1402: Eintritt in den Franziskanerorden
    • Seit 1417: erfolgreiche Predigten in zahlreichen Städten Oberitaliens (die erste Etappe war Genua)
religi se kommunikation und diaphasische variation im 15 jh1
Religiöse Kommunikation und diaphasische Variation im 15. Jh.
  • S. Bernardino da Siena
    • Er gilt in der Geschichte der Predigt gilt als einer der erfolgreichsten Vertreter der volksgemäßen Beredsamkeit.
religi se kommunikation und diaphasische variation im 15 jh2
Religiöse Kommunikation und diaphasische Variation im 15. Jh.
  • Auf Bitten der Stadtregierung von Siena hielt Bernardino ab dem 15. August jeweils bei Tagesanbruch insegesamt 45 Predigten
  • Da die Kirchen zu klein für die Menschenmassen waren, wurden die Predigten auf der Piazza del Campo abgehalten
  • Rechts standen die Frauen, links die Männer
fallstudien auszug aus predica ii
Fallstudien (Auszug aus: Predica II)
  • Dilettissimi cittadini miei, le preallegate parole so' di David profeta a 90 salmi, in volgare dicendo: - Idio ha comandato agli angeli suoi, che guardino te in tutte le tue vie. - Doh!elli mi pareva nella notte precedente vedere quasi in sulla aurora quello che è scritto nell'Apocalisse al settimo capitolo, dove dice così: Vidi quatuorangelosstantes super quatuorangulosterrae, tenentesquatuorventosterrae, ne flarent super terram, neque super mare, neque in ullamarborem.
das sienesische
Das sienesische

S. Bernardino bei der Predigt

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Fallstudien (Auszug aus: Predica II)
  • Dico che elli mi parve vedere Siena, la quale aveva quatro porti in quatro parti. E parevami vedere la gloriosa Vergine Maria madre di Jesu Cristo, la quale gli stava dinanzi, e pregava il suo Figliuolo con umili prieghi, e diceva: - o Figliuolo mio, io ti domando questa grazia, la quale voglio che tu me la conceda: io voglio che tu guardi la città di Siena, la quale mi tiene per advocata, da ogni pericolo e da ogni adversità. […]
fallstudien auszug aus predica ii2
Fallstudien (Auszug aus: Predica II)
  • […] E se noi voliamo considerare e comprèndare come questo sia vero, vediamo prima quattro notabili, belli, utili e gentili inverso coloro che hanno alcuna gentile intelligenzia. E parlaremo contro coloro i quali credono nel destinato delle costellazioni; ché sònno assai che dicono e credono e tengono una grande eresia, dove stamane cognosciaranno la verità, e l'errore dove so' stati. […]
fallstudien auszug aus predica v
Fallstudien (Auszug aus: Predica V)
  • Dilettissimi, le parole proposte so' di David profeta, in volgare dicendo così: - Elli convertì i cuori loro, cioè de' pagani, che odiassero el popolo suo, e che facessero inganni e tradimenti a' servi suoi. - Doh, non è elli un orrore a pensare che Idio facci fare uno male o una cosa che in sé è peccato?
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Fallstudien (Auszug aus: Predica V)
  • Non è elli uno stupore a considerarlo? Mai sì. Oh! elli il parla la Scrittura antiveduta per David profeta. E ha una condizione la Scrittura, che ella ha di molti sentimenti; ma a pensare nella scorza di fuore, elli è uno stupore. Ma se tu vai considerando più altamente, tu vedrai esser vero che i pulcini e 'l nido re la chioccia so' tutti atti a farci afràgnare coi giudìci di Dio. […]