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  1. Seminar: Kategorisierung und Etikettierung Stephan Wolff Institut für Sozial- und Organisationspädagogik Universität Hildesheim Sommersemester 2007

  2. Seminar: Kategorisierung und Etikettierung • Zeit: Mo 12-14 Raum: D 017 Spl • Teilnehmer: BA SOP/OP, Modul 11, andere nach Rücksprache • Inhalt: Alle Formen organisierter sozialer Dienstleistung beinhalten Prozesse der Kategorisierung bzw. Selbstkategorisierung zur Kennzeichnung von Personen, Problemen, Sachverhalten und Beziehungen. Die Wahl einer ‚passenden‘ Kategorie ist für die institutionelle Bearbeitung von Fällen wie für die Identität aller beteiligten Personen von großer Bedeutung. Kategorisierungen können eine Eigendynamik entwickeln; man spricht dann von Etikettierung und Stigmatisierung. Die Veranstaltung führt in einschlägige Konzepte und Untersuchungsmethoden (Kategorisierungsanalyse) ein und versucht diese durch Arbeit mit empirischem Material (Akten, Zeitungsartikel, Werbematerial, Aufzeichnungen von Gesprächen) exemplarisch zu vertiefen. • Literatur (Grundlagen): • Lepper, Georgia (2000): Categories in Text and Talk. A Practical Introduction to Categorization Analysis. London: Sage • Wolff, S. (2006): Textanalyse. S. 245-273 in R. Ayaß und J.R. Bergmann (Hg.), Qualitative Methoden der Medienforschung. Reinbek: Rowohlt

  3. Teilnahme- und Scheinvoraussetzungen • Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer führen ein E-mail-Tagebuch und senden nach jeder Sitzung 3 Rückmeldungen • Diese drei Einsichten habe ich mitgenommen • Das möchte ich noch klären oder vertiefen • Damit bin ich nicht einverstanden bzw., das sehe ich kritisch an den Veranstalter, der in der nächsten Stunde zu den Rückmeldungen Stellung nimmt. Erwartet werden Tagebucheinträge von mindestens 7 (von 12) Sitzungen und eine resümierende Abschlussstellungnahme zu den drei Kategorien. • Alternative 1: Je zwei Teilnehmerinnen gestalten eine Seminarstunde. In der Regel läuft dies auf die Präsentation von 1-2 Texten hinaus. Das Referat wird durch ein kurzes Thesenpapier ergänzt. Die Dauer des Referats sollte 30 Minuten nicht überschreiten. Die anschließende Diskussion wird von den Referenten moderiert. Alternative 2: In Einzelarbeiteine schriftliche Analyse einer Zeitungsmeldung nach dem Muster von Wolff (2006) • Email-Tagebuch und Referat/Analyse zählen jeweils 50% der Note.

  4. Seminarplan • 16. April: Einführung und Übung „Kategorisieren im Alltag“ • 23. April: Übung „Rollenübernahme und Beobachtung: Wie Profis ihr Arbeitsfeld sehen“ (Sacks 1972) • 30. April: Referat „Kategorisierungsarbeit bei ‚Geisteskrankheit‘ (Smith 1976; v. Gudden u.a. 1886); Referat „Etikettierungsansatz. Struktur und Kritik“ (Scheff 1973, Kap. 3,4; Böhnisch 2000; Münch 2003: 347-360; Esser 2001: 194-199) • 07. Mai: Referat „Kategorisierung als organisatorische Routinetätigkeit in Schulen und sozialen Einrichtungen“ (Ashford/Humphrey 1995; Holstein 1992; Kalthoff 2000) • 14. Mai: Referat „Selbstkategorisierung und Gruppe“ (Turner et al 1987, Turner 1999, Hogg/Terry 2000, Mummendey, Otten 2002 ) (Fechner, Wogan) • 21. Mai: Referat: Kategoriale Legitimationsversuche von Gewalt gegen Frauen (Eglin/ Hester 1999a und b; Scully/Marolla 1982) (Diewald)

  5. Seminarplan • 04. Juni: Referat „Normale Eigenartigkeiten; Methoden der Etikettierungsvermeidung im Alltag (Lynch 1983; Widdicombe 1998) (Musialowska) • 11. Juni: Übung „Methode zur Rekonstruktion der Systematik von Kategorisierungsprozessen: MCD-Analyse“ (Silverman 1997, Lepper 2000) • 18. Juni: Übung „Implizite Kategorisierungen in Zeitungsüberschriften“ (Wolff 2006) • 25. Juni: Referat „Gefangen in Kategorien? Profiling in der Kriminalistik und beim Arbeitsamt“ (Brenner/Grüner 2001; Hoffmann 1999; Meyer 2002; Musoff/ Hoffmann 2001) (Scheidegger) • 02. Juli: Referat „Kategorien- und situationsgerechte Gefühle: Emotionalität von Zeugen vor Gericht“ (Wolff/Müller 1997:199-221) (Eilers, Paulo) • 09. Juli: Referat: Kommunikative Verfahren der Konstruktion des Fremden (Bergmann 2001) (Dopke)

  6. Weitere mögliche Referatthemen • Kategoriale Legitimationsversuche von Gewalt gegen Frauen (Eglin/ Hester 1999a und b; Scully/Marolla 1982) (Diewald) • Identitätskonstruktion in Interviews : Sozialwissenschaftliche Interviews (Widdicombe/ Woofitt 1995; Silverman 2001, S. 101-110.) • Selbstkategorisierungen beim Telefonieren im Alltag und in Notfallsituationen (Bergmann 1993) • Kommunikative Verfahren der Konstruktion des Fremden (Bergmann 2001) (Dopke) • Umgangsweisen mit eigenem Stigma (Goffman 1967) • „Prekariat“ als neue soziale Schicht? Analyse der Karriere einer Kategorie (Bude/ Willisch 2006)

  7. Literaturliste Antaki, Charles, Sue Widdicombe, ed. (1998) Identities in Talk. London: Sage Baker, Carolyn (2004): Membership Categorization and Interview Accounts. S. 162-176 in. D. Silverman (ed.), Qualitative Research. Second Edition. London. Brusten, Manfred/ Hohmeier (Hg.) (1975): Stigmatisierung 2. Zur Produktion gesellschaftlicher Randgruppen. Neuwied und Darmstadt. Bude, Heinz/ Willisch, Andreas (Hg.): „Das Problem der Exklusion. Ausgegrenzte, Entbehrliche, Überflüssige“. Hamburger Edition, Hamburg: HIS-Verlagsgesellschaft 2006 Esser, Hartmut (2001): Exkurs über den Labeling Approach. S. 194-199 in: ders., Soziologie. Spezielle Grundlagen. Band 6. Frankfurt/New York. Hester, Stephan/ Eglin, Peter (1992): A Sociology of Crime. London: Routledge. (Kap. 6) Holstein, James A. (1992): Producing People. Descriptive Practice in Human Service Work. Current Research on Occupations and Professions 7: 23-39. Hogg, A. and Terry, D. J. (eds.) (2001), Social Identity Processes in Organizational Contexts. Sussex: Psychology Press. Kalthoff, Herbert (2000): “Wunderbar, richtig”. Zur Praxis mündlichen Bewertens. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 3: 429-446. Lepper, Georgia (2000): Categories in Text and Talk. A Practical Introduction to Categorization Analysis. London Lynch, Michael (1983): Accommodation Practices: Vernacular Treatments of Madness. Social Problems 31: 152-163. Maeder, Christoph (1997): “Schwachi und schwierigi Lüüt”. Inoffozielle Insassenkategorien im offenen Strafvollzug. S. 218-239, in: S. Hirschauer/ K. Amann (Hg.), Die Befremdung der eigenen Kultur. Frankfurt.

  8. Literaturliste Münch, Richard (2003): Abweichendes Handeln als Karriere. S. 347-360 in: ders., Soziologische Theorie. Band 2. Frankfurt/ New York. Mummendey, A. & Otten, S. (2002): Theorien intergruppalen Verhaltens. In D. Frey & M. Irle (Eds.), Theorien der Sozialpsychologie, Band II (S. 95-199). Bern: Hans Huber. Sacks, Harvey (1972): Notes on Police assessment of Moral Character. S. 280-293 in: D. Sudnow (ed.), Studies in Social Interaction. New York. Sacks, Harvey (1974): On the Analyzability of Stories by Children. In: R. Turner (ed.), Ethnomethodology. Harmondsworth. Sacks, Harvey (1984b): On Doing ‘Being Ordinary”. In: M.J. Atkinson/ J. Heritage (eds.), Structures of Social Action: Studies in Conversation Analysis. Cambridge: Cambridge University Press. Scheff, Thomas J. (1973): Das Etikett “Geisteskrankheit”. Soziale Interaktion und psychische Störung. Frankfurt. Silverman, David (1998): Harvey Sacks and Conversation Analysis. Cambridge. Smith, Dorothy (1976): K ist geisteskrank. In: E. Weingarten u.a. (Hg.), Ethnomethodologie. Frankfurt. Turner, J. C. (1999). Some Current Issues in Research on Social Identity and Selfcategorization Theories. In Ellermers, N., Spears, R. & Doosje, B. (eds.), Social Identity. Oxford: Blackwell. Wolff, S. (2006): Textanalyse. S. 245-273 in R. Ayaß und J.R. Bergmann (Hg.), Qualitative Methoden der Medienforschung. Reinbek: Rowohlt Wolff, Stephan/ Müller, Hermann (1997): Kompetente Skepsis. Konversationsanaly­tische Studien zur Glaubwür­digkeit vor Gericht. Opladen.

  9. Übung 1: Kategorisieren im Alltag • Gruppe 1: Besucher einer Disco (Türsteher) • Gruppe 2: Schüler in der Klasse (Lehrer) • Gruppe 3: Zugänge in der JVA (Wachpersonal) • Gruppe 4: Jugendliche Bewerber für Lehrstellen (Personaleinsteller) • Arbeitsaufgabe • Welche Personenkategorien sind in diesem Kontext relevant? • Was passt zu den jeweiligen Kategorien an Attributen und Handlungsweisen? Was würden Sie typischerweise erwarten? • Zeit: 30 Minuten

  10. Harvey Sacks: The police assessment of moral character (1972) • Wer sich im öffentlichen Raum kompetent bewegt, macht sich als jemand erkennbar, der „normal“ und „ordentlich“ seinen Geschäften nachgeht („normale Erscheinung“) • Die Beteiligten sozialer Szenen wissen um diese Erkennbarkeit (Adam‘s Problem) und versuchen unwillkürlich oder gezielt, dieser zu entsprechen. • Sacks untersucht, wie die Polizei mit Hilfe einer Analyse der Erscheinungsweise von Personen auf die Wahrscheinlichkeit von kriminellem Verhalten zu schließen versucht. • Sacks‘ Frage lautet: Wie kommen Polizisten dazu (nicht) Verdacht zu schöpfen? Welche Methoden setzen sie dazu ein? • Er identifiziert zwei korrespondierende Vorgehensweisen: • Polizisten organisieren ihr Arbeitsfeld bzw. ihren Bezirk als ein „Territorium normaler Erscheinungen“. • Sie wenden eine Unvereinbarkeitsprüfung („incongruity procedure“) an. • Diese „Unvereinbarkeit“ wandelt sich je nach den Umständen und der Zeit der Beobachtung.

  11. Harvey Sacks: The police assessment of moral character (1972) • Ähnliche Techniken entwickeln andere Abweichungs-Spezialisten wie Sozialarbeiter, Kontaktbeamte, Sozialgeographen, Archäologen, Taxifahrer oder Psychiater. • Über diese Prozeduren reflexiv verfügen zu können, d.h. in der Lage zu sein, zwischen Fassaden und Realität Übereinstimmungen oder Differenzen herzustellen, unterscheidet den Novizen vom erfahrenen Profi. • Meist ist dieses Wissen nicht explizit verfügbar und in Lehrbüchern kodifiziert, sondern steckt den Betreffenden als implizites Wissen in den Knochen (Gefühl, „da stimmt etwas nicht“). • Umgekehrt verfügen auch ihre Zielgruppen über dieses Wissen und setzen es ein, um nicht aufzufallen bzw. guten Eindruck zu machen.

  12. Forschungsstrategien zur Ermittlung von diesbezüglichen Kompetenzen • Untersuchung bzw. Herbeiführung kritischer Situationen (Garfinkel‘s Erschütterungsexperimente, Transsexuelle) • Persönliches Sichaussetzen (Behinderung simulieren, eine Fähigkeit lernen (wie Umgang mit Reisegruppen), in einen Kultur eingeführt werden (Polizei) , seine Krankheitserfahrungen reflektieren (Robillard, Good) • Ethnographie ggf. mit Interviews zu kritischen Ereignissen (Sozialarbeiter bei Fallabwicklung beobachten, Lautes Lesen von Akten durch Richter) • Konversationsanalyse von Interaktionen und Texten (Untersuchung von Gutachten) • Kombinationen dieser Strategien

  13. Hausaufgabe: Wie Profis ihr Arbeitsfeld sehen • Gruppe 1: Polizisten • Gruppe 2: Städteplaner • Gruppe 3: Sozialarbeiter • Gruppe 4: Industrie- und Handelskammer • Gruppe 5: Senioren- und Behindertenbeauftragte • Arbeitsaufgabe • Welche Kategorien/Unterscheidungen von Personen, Orten und Abläufen sind in diesem Kontext aus der eigenen Perspektive relevant? • Was erwarten Sie an Problemen, Entwicklungen und Arbeitsaufgaben in diesem Revier? • Berücksichtigen Sie auch den zeitlichen Aspekt (Tageszeit, kurz- und langfristige Entwicklungen) • Fertigen Sie ein kurzes Protokoll

  14. Route Vogelweide Altes Dorf Bahnhof Hezilostrasse Pepperworth Bahnhofstrasse Bahnhofsvorplatz Beobachtungsgebiet

  15. Rückmeldungen zu Rückmeldungen • Unterschied zwischen Kategorie, Etikett, Vorurteil • Zusammenhang Kategorie und Erwartung (Beispiel Jens Förster) • Selbstkategorisierung • Frage: sollte man Akten vorher lesen? • Zusammenhang Kategorisierung und Sozialisation

  16. Labeling Approach (Howard Becker) • Keine Verhaltensweise besitzt an sich die Qualität „abweichend“.Abweichendes Verhalten wird durch dieNorm setzenden Instanzen definiert. • Definitionen abweichenden Verhaltens werden nur verhaltenswirksam, wenn die Normen angewandt werden. Normen werden in Interaktionen realisiert. • Normanwendung erfolgt selektiv, d.h. gleiche Verhaltensweisen werden situations- und personenspezifisch unterschiedlich definiert. • Selektionskriterien können unter den Faktor Macht subsumiert werden. • Eine Etikettierung als „abweichend“ setzt Mechanismen der sich selbst erfüllenden Prophezeiung in Bewegung, die weitere Verhaltensweisen erwarten lassen, die als abweichend definiert werden. Gleichzeitig erfolgt eine Reduktion der konformen Handlungsmöglichkeiten durch non-konforme Verhaltenserwartungen. Beides macht eine kriminelle Karriere wahrscheinlicher. • Aufgrund der Zuschreibung des Abweichens bilden sich abweichende Selbstdefinitionen heraus. Die Identität der Person verändert sich. Die Übernahme der zugeschriebenen abweichenden Rolle wird als persönlichkeitskonform empfunden.

  17. Variationen des Labeling-Approachs • Selektions-Labeling sagt aus: In die offiziell registrierten Kriminalitätsraten geht nur ein Teil der realen Kriminalität ein, weil die Umwelt auf abweichende Verhaltensweisen selektiv reagiert. • Definitions-Labeling sagt aus:In Interaktionen werden auf der Basis von Situationsdefinitionen Normen gesetzt und angewandt. • Zuschreibungs-Labeling sagt aus: Einer Person wird die Rolle des Abweichlers zugeschrieben. • Verursachungs-Labeling sagt aus: Bestimmte Umweltreaktionen auf Etikettierungsprozesse rufen erst abweichende Verhaltensweisen hervor. • Forcierungs-Labeling sagt aus: Umweltreaktionen wirken (z.B. durch Reduzierung der konformen Handlungsmöglichkeiten) als Verstärker für abweichendes Verhalten.

  18. Howard S. Becker

  19. Primäre und sekundäre Abweichung (Lemert)

  20. Eine sich-selbst-erfüllende Prophezeiung

  21. Modell der Stigmatisierung (nach Lüdemann)

  22. Szenario einer kriminellen Karriere • Ein Jugendlicher begeht zur Lösung eines Problems eine abweichende Verhaltensweise ohne dass das Delikt öffentlich bekannt wird, das Kind entgeht einer Zuschreibung. • Ob sein Problem gelöst ist oder nicht, es sieht in dem unentdeckten Normenverstoß einen Erfolg, der ihn zur Wiederholung der abweichenden Verhaltensweise ermuntert. Damit steigt die Möglichkeit der Entdeckung der abweichenden Verhaltensweise an. • Eine der weiteren Abweichungen wird bekannt, aber nicht geahndet, stattdessen wird dem Kind geholfen, sein Problem zu lösen. Es wird keine Zuschreibung vorgenommen, aber die Wahrscheinlichkeit abweichender Verhaltensweisen steigt (intermittierende Verstärkung) • Oder die Tat wird geahndet, das Problem aber nicht gelöst. Aufgrund der Bekanntheit des Normenverstoßes lehnt die bisherige Umwelt des Kindes das Kind als Normabweichler ab.

  23. Szenario einer kriminellen Karriere (Fortsetzung) • Stattdessen findet es Bestätigung in einem neuen Bekanntenkreis, der die Bestrafung als Auszeichnung uminterpretiert. Bei weiteren Normverletzungen erfährt es durch seine Freunde weitere Anerkennung. • Weitere ermittelte Abweichungen werden von den Sanktionsinstanzen härter bestraft als die zuvor begangenen. • Der Jugendliche wird offiziell als Abweichler (‚Intensivtäter‘) etikettiert. Durch die Fremddefinition wird seine Selbstdefinition beeinflusst: er setzt sich mit der Etikettierung auseinander und akzeptiert sie; sein Zugang zu Mitteln seiner normkonformen Persönlichkeitsentwicklung wird beschränkt. • Der Jugendliche wird aufgrund seiner verringerten sozialen Entwicklungsmöglichkeiten zum Außenseiter. Er erlernt Techniken der delinquenten Problemlösung und vollzieht diese.

  24. Szenario einer kriminellen Karriere (Fortsetzung) • Der Jugendliche wird strafrechtlich auffällig. Die bisherigen nicht-strafrechtlichen Ahnungen werden bei der strafrechtlichen Ahndung strafverschärfend berücksichtigt. • Der Jugendliche begeht weitere abweichende Verhaltensweisen. • Bei der nicht strafrechtlichen Ahndung (soziale Ächtung) wird die strafrechtliche Sanktionierung strafverschärfend berücksichtigt, die Stigmatisierung erweitert und/oder verfestigt. • Der Jugendliche übt die ihm zugeschriebene Rolle aus. • In die strafrechtliche Sanktionierung von Normenverstößen werden die bisherigen nichtstrafrechtlichen und die strafrechtliche Ahndung strafverschärfend einbezogen, die Etikettierung nochmals erweitert u./o. verfestigt.

  25. Szenario einer kriminellen Karriere (Fortsetzung) • Der Jugendliche wird in seiner Außenseiterrolle bestätigt, sein Zugang zu Mitteln normkonformer Persönlichkeitsentwicklung wird weiter beschränkt. • Aufgrund der nochmals erweiterten Etikettierung lehnt die bisherige Umwelt des Jugendlichen den Jugendlichen als Stigmatisierten ab; stattdessen findet er weitere Bestätigung in seinem neuen Bekanntenkreis. • Der Jugendliche übt die ihm zugeschriebene erweiterte Rolle aus. In die strafrechtliche Sanktionierung werden die bisherigen nichtstrafrechtlichen und strafrechtlichen Ahndungen strafverschärfend einbezogen. • Der Jugendliche kommt in die Jugendjustizvollzugsanstalt, hier erweitert und vervollständigt er seine Techniken der delinquenten Problemlösung. • Der Jugendliche wird nach seiner Entlassung aus der Vollzugsanstalt als Vorbestrafter behandelt, seine normkonformen sozialen Handlungsmöglichkeiten werden weiter eingeschränkt.

  26. Kritik am Etikettierungs- und Stigmatisierungsansatz • Wirkung der Stigmatisierung empirisch kaum belegbar • keine in sich geschlossene Theorie (nur ‚halber‘ Konstruktivismus) • Verhalten besteht auch ohne Definition (Dunkelzifferproblematik) Sozialpädagogische / kriminologische Forderung • Wenig stigmatisieren (Normalisierungsprinzip) • Möglichst entkriminalisieren (Resozialisierung) • Nichtintervention (Vertrauen auf Selbstheilung) • Diversion (Umleitung auf nicht-strafrechtliche Maßnahmen)

  27. Rückmeldung zu Rückmeldungen • Schließen sich Labeling- und andere Theorien abweichenden Verhaltens gegenseitig aus? • Nicht-Intervention als positive Verstärkung? • Rosenhan-Studien (Schule und Psychiatrie) • Wie gehen klassifizierende Organisationen mit ihrer Verantwortung um? • Inwieweit wirkt sich die Umgebung auf Labeling aus? • Stigmatisierung und Macht • Wie entstehen Labels bzw. Stigmata? Gibt es interkulturelle Aspekte? • Labels als Ehrenzeichen in bestimmten Subkulturen!? • Wie könnten Ent-Etikettierungs- bzw. Ent-Stigmatisierungsprogramme aussehen? • Analogie: Primäre, sekundäre und tertiäre Viktimisierung • Behandelt werden noch: Selbststigmatisierung, Identifikation mit Gruppen

  28. Wertung des Etikettierungsansatzes • Unbestritten: • Feststellung von Abweichung durch Instanzen sozialer Kontrolle keine Wahrheits-, sondern eine Frage der Zuschreibung • Entscheidungen über Zuschreibungen erfolgen immer selektiv • Zuschreibungen beruhen auf Typisierungen bzw. nutzen Kategorisierungen, um Feststellungen und Maßnahmen zu treffen und zu begründen • Menschen aus bestimmten sozialen Verhältnissen müssen eher mit solchen Definitionsprozessen rechnen als andere • Gegenposition: Ätiologischer (täterorientierter) Ansatz • Erforscht Gründe, die Personen haben, abweichende Verhaltensweisen zu zeigen (die dann Reaktionen hervorrufen können oder auch nicht!) • Erklärungen: rationale Kalkulation, fehlende Mittel zur Erreichung kultureller Ziele, Anpassung an subkulturelle Erwartungen usw.) • Problematisch: • Etikettierungsprozess ist durch die Interessen ‚herrschender Gruppen‘ dominiert • Soziale Abweichung gibt es ohne Etikettierung nicht • Soziale Reformen, Kriminalitätsbekämpfung kann nicht durch Etikettierungsvermeidung bzw. durch Abschaffung der betreffenden Instanzen (Gefängnisse, Strafrecht) geschehen (Abolitionismus)

  29. Das ethnomethodologische Forschungsprogramm • Unterschied zum üblichen soziologischen Vorgehen • Dieses subsumiert soziale Phänomene unter vorgängige soziologische Kategorien. Beispiele: • eine Geschworenengruppe unter die Kategorie „Kleingruppe“ • eine Handlungsweise unter die Kategorie „anomisches Verhalten“ • den Zustand einer Wohnung unter die Kategorie „Verwahrlosung“ • Stattdessen wird in der Ethnomethodologie rekonstruiert, wie, d.h. die Mitglieder „etwas“ zu „etwas“ machen. • Was sind die sozialen Bedingungen der Möglichkeit von Kategorisierungsprozessen? (Garfinkel 1956) • Wie gehen individuelle und organisatorische Akteure dabei vor? (Cicourel 1968, Zimmerman 1969) • Welche praktische Methoden der Interpretation kommen bei Kategorisierungen zum Einsatz? (Sacks 1984)

  30. Degradierungsthese (Garfinkel 1956) • Jede Gesellschaft verfügt über Prozeduren, mit denen abweichenden Mitgliedern ihr Unwert gezeigt werden kann. • Die öffentliche Anklage entspricht dem Paradigma moralischer Entrüstung und muss daher eine Anzahl besonderer, alltäglich bekannter Zeremonien pflegen. • Bedingungen bzw. Stufen des Degradierungsprozesses, • Vorfall und Täter werden als "außergewöhnlich" hervorgehoben, • in ein Wertschema überpersönlicher Art gebracht werden, • als Typ geschildert und ihrer Persönlichkeit entkleidet • Tat wird als Beispiel einer Klasse von für die Allgemeinheit gefährlichen Regelverstößen dargestellt • Die negative Typisierung wird mit positiven Gegenversionen kontrastiert • Die Kluft zwischen normalem, anständigen und dem vorliegenden Handeln ist nicht überbrückbar • Die Anklage wird von anerkannten Institutionen erhoben, denen sich der Angeklagte nicht entziehen kann • Siegt die Anklage, dann sieht er sich um seinen Status als kompetentes und akzeptiertes Mitglied seiner Gruppe gebracht

  31. Selbstmord als Phänomen • Durkheim: Selbstmord als soziale Tatsache. Beweis: soziologisch erklärbare statistische Regelmäßigkeiten • Sacks (1963: 8) „die Kategorie ‚Suizid’ kann so lange nicht einmal potenziell Teil des soziologischen Apparats sein, solange wir diese Kategorie nicht beschreiben, das heißt, solange wir keine Beschreibung der Verfahren, mittels derer Fälle dieser Klasse zusammengestellt werden, vorgenommen haben.“ • Ressource der Erklärung wird zum Gegenstand (Topos) • Forschungshypothese: Soziale Tatsachen sind kunstvolle interaktive Herstellungen („accomplishments“) • Garfinkel (1967) untersucht, mittels welcher situativer, praktischer Interpretationsverfahren ein Amtsarzt („Coroner“) einen Suizid feststellt und dazu für einen aufgefundenen Leichnam anhand der vorfindbaren Spuren eine „plausible suizidale Vorgeschichte“ konstruiert.

  32. Methodisches Vorgehen: Sacks‘ Empfehlung • Bei der Analyse Nutzung des intuitiven Verständnisses • Kunstgriff: Man sieht z.B. eine Person und nimmt sie intuitiv als „wütend“ wahr. Was an dem Verhalten dieser Person hat die Intuition „wütend“ hervorgerufen? Sacks (1984) setzt vor das intuitiv wahrgenommene Personenmerkmal ein „doing being“. • Aus „angry“ wird ein „(doing being) angry“. Aus der Intuition: Das ist ein Polizisten, ein „(doing being) a policeman“. Nun besteht die Möglichkeit, die eigene Intuition in beobachtbare Herstellungspraktiken aufzulösen. • Der methodische Dreh besteht darin, die zugrunde liegenden generativen Prinzipien dieser Intuition zu analysieren. • Frage: aufgrund welcher Mechanismen verstehen wir alle eine Fallgeschichte über einen Selbstmörder und ihren Inhalt ohne das geringste über die Szene zu wissen? • Einsatz bestimmter institutionalisierter Kategorisierungs- und Schlussfolgerungsregeln (”membership categorization device”)

  33. Dorothy Smith: K ist geisteskrank – Die Anatomie eines Tatsachenberichtes • Frage: wie muss ein Berichterstatter Informationen zusammenstellen, bearbeiten, überprüfen und schildern, so dass sein Bericht von jedem kompetenten Leser als Bericht über Tatsachen verstanden werden kann? • Bericht einer Freundin über K, die geisteskrank ist bzw. von ihrer Umgebung für geisteskrank gehalten wird. • Solche Prozesse der Interpretation sind natürlich auch Voraussetzung für Einlieferung in einschlägige Organisationen. • These: Kein Unterschied von Laien- und Spezialisten

  34. Relevante Punkte • Einleitende Instruktionen (21ff., 44f.,113 f., 135 f., 146f.) • Legitimation der Version (16 f., 29 ff.) • Konstruktion des Berichts als Tatsachenbericht (additiv) • Aussonderungsoperation: Kontraststrukturen (I-II) • Steigerungsformen: Dreierlisten

  35. Beobachtungen werden geschildert: K wird zum Objekt • Objektivität: Realität drängt sich auf, andere Leute additiv heranziehen, guter Willen, Kontrast, Bestätigung. • Wir versus K, eindeutig, nicht in Ordnung • Bericht entwickelt sich

  36. Wesentliche Merkmale der Kategorisierungsanalyse • Sie beschäftigt sich mit sozialen Aktivitäten und nicht mit kognitiven oder sonstigen Idealisierungen (wie z.B. die Schematheorie in der kognitiven Psychologie). • Der Kategoriengebrauch hat nichts auf verborgenen psychologischen Prozessen zu tun, sondern verweist auf kulturellen Ressourcen, die öffentlich, sozial geteilt und transparent sind. • Kategorien kommt nur Bedeutung in einem spezifischen Kontext zu. Diese Kontextsensitivität ist es, die im Mittelpunkt der Analyse steht. • Es ist (zunächst) nicht der Inhalt der Kategorien, der interessiert, sondern die methodischen Prozeduren durch welche sie eingesetzt und verstanden werden.

  37. Allgegenwart von Kategorisierungen • Gedankenexperiment: Gesprächseröffnung mit derselben Person (auf dem Flur, im Theater, im Urlaubshotel, im Prüfungsamt) • Was antworten Sie auf Fragen wie: „Mit was beschäftigst Du Dich gerade?“ (im Theater, in der WG, in der Beratungsstelle) • Als Antwort auf derartige Fragen sind (Selbst-) Kategorisierungen gefragt, die sich auf Beruf, Wohnort, Studienfach, Gefühlslage oder Status beziehen. • Solche Fragen sind nicht abstrakt und ein für alle mal beantworten. • Die Bedeutung von Frage und Antwort variiert nach Gesprächspartner, Situation (auf einem Kongress, in der Disco, nach einer Krankheit) oder dem Gesprächskontext (am Anfang oder eher am Ende des Gesprächs)

  38. Praxis der Kategorisierung • Die gewählte Kategorie legt bestimmte Schlussfolgerungen nahe • Kategorien haben Implikationen • Kategorien werden auf den Zusammenhang hin „relevant gemacht“ • Situationen „kippen“, wenn Kategorisierungen verwendet werden, die nicht zur Form des Gesprächs bzw. der Beziehung passen (aus einem Interview wird ein Streitgespräch, aus einem Problemgespräch eine Beratung). • Umgekehrt gibt es Tätigkeiten, Attribute und Zustände, die auf dazu passende Personenkategorien verweisen • Kategorisierungen sind keine Vorurteile, sondern kulturell institutionalisierte Instrumente der Sinnproduktion • Arbeiten mit Kategorisierungen bei der Erstellung von Beschreibungen und Erklärungen. • Grundfrage: welche Maschinerie setzten kompetente Mitglieder in Gang um verständliche und sinnvolle Beschreibungen zu generieren/zu verstehen?

  39. Übung 1 The X cried. The Y picked it up. Aufgabe: Ergänzen Sie diesen Satz!

  40. Praxis der Kategorisierungsanalyse • Für kompetente Sprecher keine Schwierigkeit, diesen Satz zu vervollständigen. • Interpretationsprozeduren, die sagen, was zusammen passt und welche Bedeutung des Satzes von daher naheliegt. Sacks‘ These: Gebrauchsregeln weisen eine Systematik auf, die sich empirisch rekonstruieren lässt. • Die Kategorisierungsanalyse beschäftigt sich damit, wie Kategorien in natürlichen Gesprächen und Texten eingesetzt und verstanden werden. • Der Satz „The baby cried. The mommy picked it up“ stammte von einem Kind mit 2 ¾ Jahren. Was macht die Kompetenz dieses Kindes aus? • Wenn wir die Aktivitäten von X und Y hören, dann verweisen diese – ohne jede empirische Bestätigung – auf bestimmte dazu passende Teilnehmerkategorien („Membership Categories“). Teilnehmerkategorien sind soziale Typen oder Klassifikationen, die man zur Beschreibung von Personen, aber auch von Gegenständen, Firmen, Pflanzen oder Tieren verwenden kann.

  41. Praxis der Kategorisierungsanalyse (2) • Ein typisches Merkmal solcher Kategorien: manche von ihnen gehören zur „natürlichen Kollektionen“ („membership categorization devices“). Ein solcher Device („Vorrichtung“) ist in unserem Fall „Familie“. Zu ihm gehören die Kategorien Mutter, Vater, Sohn, Tochter usw.. • Andere Kategorien wie Angler, Taxifahrer, Nacherbe, Patient oder Faschist sind hingegen ausgeschlossen, obwohl dies Kategorien darstellen, die sich grundsätzlich auf eine oder gar alle bezeichneten Personen ebenso anwenden ließen. • Eine Kategorie kann mehreren Kollektionen angehören: Das Kind gehört nicht nur zur Kollektion „Familie“, sondern ebenso zur Kollektion „Jugend“, die Kategorien wie Junge, Mädchen, und ihre jeweiligen Qualifikationen (guter Junge, altkluges Mädchen) einschließt. • Darüber hinaus Oberkategorien wie „Lebensalter“ „Deutsche“ oder „Weltbürger“ denkbar.

  42. Praxis der Kategorisierungsanalyse (3) • Besonders interessant sind Kategorien, die natürlicherweise aufeinander bezogen sind: Solche standardisierten Beziehungspaare („standardized relational pairs; SRP) sind etwa: Ehemann-Ehefrau, Mutter-Kind. • „R-Kollektionen“: beide Partner können Rechte und Verpflichtungen gegeneinander geltend machen können. • „K-Kollektionen: Paare, deren Beziehung durch eine bestimmte Wissensdifferenz gekennzeichnet ist und von denen vor diesem Hintergrund bestimmte Handlungen zu erwarten sind, wie Arzt-Patient oder Professor-Student.

  43. Übung 2 1 S1: Sind Sie jemals verheiratet gewesen, Frau A ...? 2 C1: Nein. 3 S2: Und sie sind ganz auf sich gestellt in der jetzigen schweren Situation? 4 C2: Genau so ist es. 5 S3: Da ist wirklich niemand? 6 C3: Gut, ich hab da ein Paar Kusinen, aber eben nur Kusinen 3 und 4. Grades ... Aufgabe • Identifizieren Sie die Standardisierten Beziehungspaare, die im Text angesprochen werden. • Welche Rechte und Pflichten werden dabei angesprochen? • Welche Schlussfolgerungen kann man hinsichtlich des gerade relevanten MCD ziehen?

  44. Praxis der Kategorisierungsanalyse (3) • Zunächst Frage nach primärem (R-(SRP (Ehemann-Frau).Unterstellung: Hilfeerwartung. • Stufenweise sich entwickelnde Fragestruktur • Frage: Wie schließen wir alternative Lesarten aus? • Zwei Anwendungsregeln für den MCD • Konsistenzregel (wenn eine Population von Personen kategorisiert ist, und eine Kategorie dieses MCD benutzt wurde um die erste Person zu charakterisieren (Baby->Familie), dann sollte man die folgenden Kategorisierungen als aus diesem MCD stammend hören. • Ein kompetentes Gesellschaftsmitglied wird zunächst einmal dieser „Hörermaxime“ folgen und beide Personen, wenn dies möglich ist, einer Kollektion zuordnen. Dies schließt den Fall aus, dass die Mutter zu einer ganz anderen Familie gehört.

  45. Praxis der Kategorisierungsanalyse (4) • Der Fall, dass das Baby eine Bezeichnung für einen Erwachsenen sein könnte, wird durch die sog. Ökonomieregel ausgeschaltet. Sie besagt, dass grundsätzlich eine Kategorie zur Kennzeichnung einer Person ausreicht. • Die Konsistenzregel enthält noch eine Verfeinerung, die Sacks als Vervielfältigungs-Organisation („duplicative organization“) bezeichnet. • Mitglieder einer Kollektion bilden eine Einheit, die sich gegen anderen Einheiten abgrenzen lässt. Die Mitglieder sind insoweit als eine Einheit behandelbar, nicht als eine Summe von Einzelindividuen. Wenn man nun eine Kategorie dieser Einheit nennt oder beschreibt, dann kann man daraus bestimmte (analoge) Schlussfolgerungen für den Rest der Kollektion ziehen. Die Kollektion wird als „Team“ behandelt. Man muss nur einen nennen, um auch über die nicht ausdrücklich erwähnten Teammitglieder Annahmen machen und Unterstellungen aktivieren zu können. • Man denke wieder an den MCD Familie, der übrigens für die Weltaneignung von Kindern von großer Wichtigkeit ist, insoweit Kinder die Familie und ihre Relationen auf weitere Bereiche ihrer Sozialwelt zu generalisieren versuchen.

  46. Blick auf Übung 2 • Der Fragesteller (ein Berater eines Krisentelefons für Selbstmordgefährdete) sucht nach einem standardisierten Beziehungspaar, innerhalb dessen man Hilfe für die Anruferin erwarten könnte. • Wäre die Anruferin verheiratet, dann ließe sich unmittelbar auf den Ehemann und dessen mögliche oder möglicherweise unterlassene Hilfeleistung schließen. • Da aber in diesem Fall kein Ehemann vorhanden ist, geht die Suche innerhalb der Familie weiter. Kann man kein passendes Gegenüber in einen SRP finden, so ist dies „programmatisch relevant“, d.h. notizwürdig. • Diese Suchprozedur wird erst in dem Augenblick abgebrochen, als C als „letztes Aufgebot“ ihre Kusinen 3. und 4. Grades nennt, diese aber als im Grunde eigentlich außerhalb des MCD „Familie“ stehend bezeichnet. • Die Suche nach Hilfe entfaltet sich hier als die Suche nach einer relevanten Mitgliedschaftskategorie, von der diese Hilfe als kategorienbezogene Aktivität konventioneller Weise zu erwarten wäre.

  47. Blick auf Übung 2 • Umgekehrt: Wenn wir von einer Person hören, dass sie eine kategorienbezogene Aktivität ausübt, können wir auf eine bestimmte Kollektion schließen, der diese Person angehört. • Weitere „category predictions“, die gemacht werden können, wenn man die relevante Beschreibungskategorie einer Person kennt: Rechte, Verpflichtungen, Attribute, Kompetenzen, Verhaltensweisen etc. • Wann ist eine Person „suizidal“? • Ergebnis einer Nachfrageprozedur, nicht ein psychologischer Zustand • Selbstmordverhinderung durch Irritation von Selbstkategorisierungsprozessen

  48. Membership Categorization Analysis: Schritte • Identifiziere eine Beschreibung (in einem Gespräch oder einem Text) • Halte Dein Commonsense-Verständnis dieser Beschreibung fest und markiere, wie Du sie beim ersten Lesen verstehst • Untersuche Deine Interpretation der Beschreibung indem Du nach den Methoden der Mitgliederkategorisierung suchst, die du dabei eingesetzt hast