Spracherwerb
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Spracherwerb. 9. Vorlesung (09.06.2011). apl. Professor Dr. Ulrich Schade Fraunhofer-Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie [email protected] Spracherwerb. Kontaktdaten. apl. Professor Dr. Ulrich Schade Fraunhofer-Institut für Kommunikation,

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Presentation Transcript


Spracherwerb

Spracherwerb

9. Vorlesung (09.06.2011)

apl. Professor Dr. Ulrich Schade

Fraunhofer-Institut

für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie

[email protected]


Spracherwerb1

Spracherwerb

Kontaktdaten

apl. Professor Dr. Ulrich Schade

Fraunhofer-Institut für Kommunikation,

Informationsverarbeitung und Ergonomie

(FKIE)

Neuenahrer Straße 20

53343 Wachtberg

E-Mail:[email protected]

Telefon: 0228 9435 376

Fax:0228 9435 685


Spracherwerb2

Spracherwerb

Überblick

  • Frühphase

  • Zum Erwerb der Syntax

  • Zum Erwerb des Lexikons und der Semantik

  • Zum Erwerb der Phonologie

  • Zum Erwerb der Schriftsprache

  • Sprachentwicklungsstörungen


Spracherwerb3

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Der kognitive Status der Phoneme

Aus Daten über Versprecher wissen wir, dass Phoneme einen „kognitiven“ Status haben (Fromkin, 1969; Schade, Berg & Laubenstein, 2003).

  • eine Sorte von Tacher(Meringer & Mayer, 1895)

  • Der Lichter lacht sich tot. (statt Richter)(Berg, 1988)

  • a phonological fool (statt rule)(Fromkin, 1973)

  • Das ist ja echt zum Hotzen! (Berg, 1988)


Spracherwerb4

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Phoneme und der Vokabelspurt

Der Kommunikationsdruck führt zum Erlernen von Wörtern.

Vor dem Vokabelspurt (1;5 – 1;8) produzieren Kinder gut 50 Wörter und erkennen (rezeptiv) gut 200 Wörter. Der Vokabelspurt vergrößert die Anzahl der genutzten Wörter sehr schnell.

Dabei stellen sich die Phoneme als relevante Einheiten heraus: Das Kind erfährt deren bedeutungsunterscheidende Funktion.

(Wald vs. kalt / Wild / Wand usw.)


Spracherwerb5

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Zeitschema der phonologischen Produktion

1;6 – 1;12Vokale, m, b, p, v, f, d, t, n, l, g, k, h

2;0 – 2;5pfp, f, v, l

2;6 – 2;12 j, ŋ, ç, x, g, k, h, pf

3;0 – 3;6 j, ŋ

3;6 – 3;12∫

Nach Fox & Dodd (1999): schwarz: 75% / blau: 90%

Es gibt sehr starke individuelle Variationen.

Я


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Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Zeitschema der phonologischen Produktion

Nach Stoel-Gammon (1985) werden Plosive und Nasale in Bezug auf die Silbenposition zunächst initial produziert, Liquide zunächst final und bei Frikativen und Affrikaten gibt es keinen signifikanten Unterschied zwischen den Silbenpositionen für die ersten Produktionen.

Dieses Ergebnis ergibt sich aber wahrscheinlich daraus, dass Kinder zu dem Zeitpunkt, zu dem sie Plosive und Nasale erstmals produzieren, nahezu nie Konsonanten final produzieren.


Spracherwerb7

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Die Rolle der Zeit

Hören und Sprechen geschieht in der Zeit.

Beim Spracherwerb muss daher auch die Verarbeitung in der Zeit gelernt und automatisiert werden.

Dafür geht man davon aus, dass Menschen über so genannte „innere Uhren“ verfügen, die Takte vorgeben und das subjektive Zeitempfinden steuern und koordinieren (Fraisse, 1985).


Spracherwerb8

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Die Rolle der Zeit

In Bezug auf die Sprachverarbeitung geht man von drei Zeitebenen aus:

  • Integrationsebene Taktrate: 2-5 sec

  • Basisebene Taktrate: 100-500 msec

  • OrdnungsebeneTaktrate: 20-40 msec.


Spracherwerb9

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Die Rolle der Zeit

Die Integrationsebene ist die Zeitebene,

auf der die Konstituentenverarbeitung

und die Verarbeitung von Intonationsmustern stattfindet.

Die Basisebene ist die Zeitebene,

auf der die Silbenverarbeitung stattfindet.


Spracherwerb10

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Die Rolle der Zeit

Die Ordnungsebene ist die Zeitebene,

auf der die Phonemverarbeitung stattfindet.

Die Taktrate auf der Ordnungsebene ergibt

sich aus der so genannten „Ordnungsschwelle“

(Kegel, Oames & Veit, 1988; Kegel, 1996).


Spracherwerb11

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Die Rolle der Zeit

Definition der Taktrate auf der Ordnungsebene

Vorgegeben werden zwei „Klicks“ (dargeboten dem rechten bzw. dem linken Ohr). Die Klicks sind um X msec. Zeitlich versetzt. Die Testfrage lautet: Welcher Klick kam zuerst?

Die Ordnungsschwelle ist das minimale X, bei dem die Testperson die Frage noch zuverlässig korrekt beantworten kann.


Spracherwerb12

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Die Rolle der Zeit

Bei Erwachsenen liegt die Ordnungsschwelle bei 20-40 msec.

Diese Schwelle wird aber erst mit 8-10 Jahren erreicht, vorher liegt sie höher.

Evtl. erfolgt eine Herabsetzung der Schwelle durch den Erwerb der Schriftsprache.

Bevor die Schwelle der Erwachsenen nicht erreicht ist, kann dem Sprachsignal weniger phonologische Information entnommen werden, was sich auch auf den Produktionserwerb auswirkt.


Spracherwerb13

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Erwerb der phonologischen Rezeption

Thesen:

  • Die Perzeption/Rezeption geht der Produktion voran.

  • Sie verläuft (weitgehend) in denselben Bahnen wie die Produktion.

    Frage: Wie testet man diese Thesen?


Spracherwerb14

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Erwerb der phonologischen Rezeption

  • Diskriminationstest

  • Das Kind entscheidet, ob zwei sprachliche Formen gleich oder unterschiedlich sind. (Stichwort Nuckeltest)

  • Identifikaitonstest

  • Das Kind identifiziert aufgrund des Gehörten ein Bild oder einen Gegenstand.

  • In beiden Fällen arbeitet man mit Minimalpaaren.


Spracherwerb15

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Erwerb der phonologischen Rezeption

Identifikaitonstest: typischer Versuchsaufbau (Eilers & Oller, 1976).

Versuchspersonen: 14 Kinder zwischen 1;10 und 2;2

Stimuluspaare

bekanntunbekannt (Nichtwort-Bezeichnung)

cargar

blockbock

monkeymucky

fishthish


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Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Erwerb der phonologischen Rezeption

„The candy is under the ….“

„car“

„gar“


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Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Erwerb der phonologischen Rezeption

cargar86%Stimmhaftigkeit

blockbock58%Onset2

monkeymucky20%Coda

fishthish 0%Artikulationsort

rabbitwabbit60%2 Merkmale

pigtig50%Artikulationsort

blocklock83%Onset1

cowbow100%2 Merkmale


Spracherwerb18

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Erwerb der phonologischen Rezeption

Rezeption Produktion

cargar86%21%

blockbock58%17%

monkeymucky20%0%

fishthish 0%10%

rabbitwabbit60%10%

pigtig50%86%

blocklock83%100%

cowbow100%100%


Spracherwerb19

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Erwerb der phonologischen Rezeption

In aller Regel geht die Rezeption der Produktion voraus.

Man kann aber Annehmen, dass ein stetiges Gelingen der Produktion die Rezeption von Gegensatzpaaren nochmals verbessert.

Die Schwierigkeiten der Rezeption halten länger an (aufgrund von Problemen der Zeitverarbeitung und der Ausfilterung von Hintergrundgeräuschen).


Spracherwerb20

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Phonologische Prozesse

Definition

Ein phonologischer Prozess ist ein regelhaftes Verhalten, nach dem ein Kind Laute oder Lautgruppen, die es noch nicht beherrscht, durch „natürliche Vereinfachungen“ in solche Laute bzw. Lautgruppen verwandelt, die es beherrscht und die dem Ziel möglichst ähnlich sind.


Spracherwerb21

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Phonologische Prozesse

  • Es wurde angenommen, dass durch den phonologischen Prozess eine Repräsentation angestrebt wird, die durch die Produktion geleistet werden kann.

  • “The child's reduced productions are the result of his applying an innate phonological system to the phonological representation. The innate phonological system consists of a set of universal phonological processes which simplify the phonological representation.”

  • (Ingram, 1989, S. 387; vgl. auch Stampe, 1973)


Spracherwerb22

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Phonologische Prozesse

korrekte

Repräsentation

produzierte

Repräsentation

wahrgenommene

Repräsentation

(vereinfachte)

angestrebte

Repräsentation


Spracherwerb23

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Phonologische Prozesse

korrekte

Repräsentation

produzierte

Repräsentation

phonologische Prozesse

wahrgenommene

Repräsentation

(vereinfachte)

angestrebte

Repräsentation


Spracherwerb24

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Phonologische Prozesse

  • Gegenthese (nach Stemberger, 1992, und Berg, 1992):

  • Das Kind versucht, die wahrgenommene phonologische Repräsentation exakt wiederzugeben.

  • Es hat jedoch am Anfang nicht die Mittel dazu. Diese muss es zum Teil noch erwerben.

  • Entsprechend entstehen bei der Produktion (systematische) Fehler, die als Auswirkung Phonologischer Prozesse missverstanden wurden.


Spracherwerb25

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Phonologische Prozesse

korrekte

Repräsentation

produzierte

Repräsentation

wahrgenommene

Repräsentation

„The child […] attempts to produce the perceived form faithfully.“(Stemberger, 1992)


Spracherwerb26

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Phonologische Fehlleistungen während des Spracherwerbs

  • Strukturfehler

  • - Codaauslassung

  • - Clustervereinfachung

  • - Auslassung unbetonter Silben

  • Ersetzungsfehler

  • - systematische Ersetzung

  • - Harmonisierung


Spracherwerb27

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Phonologische Fehlleistungen während des Spracherwerbs

  • Codaauslassung

  • Beispiel: „Ball“  /ba/

  • Ursache:

  • Die Kinder müssen zunächst die Silbenstruktur CVC erwerben.

  • Codaauslassungen verschwinden zwischen 2;0 und 3;0.


Spracherwerb28

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Phonologische Fehlleistungen während des Spracherwerbs

  • Clusterreduktionen

  • Beispiel: „Knall“  /kal/ oder /nal/ oder /dal/

  • Ursache:

  • Die Kinder müssen zunächst die Silbenstrukturen für Cluster erwerben.

  • Clusterreduktionen verschwinden ab 3;0.


Spracherwerb29

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Phonologische Fehlleistungen während des Spracherwerbs

  • Auslassung unbetonter Silben

  • Beispiel: dies titas wauwau (Dies ist Mathias‘ Hund.)

  • Ursache:

  • Die Kinder müssen zunächst lernen, mehrsilbige Wörter zu produzieren.

  • Silbenauslassungen verschwinden ab 2;0 (mit der Repräsentation von Wortformen).


Spracherwerb30

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Phonologische Fehlleistungen während des Spracherwerbs

  • systematische Ersetzungen

  • Beispiel: „dere‘s uh honey on my sandwich“

  • Velarfronting

  • Ursache:

  • Laute, die noch nicht produziert werden können, werden systematisch durch möglichst ähnliche Laute ersetzt.

  • Systematische Lautersetzungen verschwinden, sobald der betroffene Laut erworben wird.


Spracherwerb31

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Phonologische Fehlleistungen während des Spracherwerbs

  • konsonantische Harmonisierungen

  • Beispiele:

  • Lampe Bampe

  • Nebel Mebel

  • Farbe Pabe

  • Es werden auch Laute harmonisiert, die schon erworben sind.

  • „Da, der Bom!“


Spracherwerb32

Spracherwerb

Erwerb der Phonologie

Phonologische Fehlleistungen während des Spracherwerbs

  • Die Fehlleistungen werden graduell weniger.

  • Die Fehlleistungen gleichen Versprechern, sind aber häufiger.

  • Im Erwerbsprozess kann es zu „Rückschritten“ kommen

  • durch Übergeneralisierungen

  • durch trade-offs

  • (etwa durch Einflüsse der syntaktischen Entwicklung)


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Spracherwerb

Literatur

Berg, T. (1988). Die Abbildung des Sprachproduktionsprozesses in einem Aktivationsflußmodel. Tübingen: Niemeyer.

Berg, T. (1992). Phonological harmony as a processing problem. Journal of Child Language, 19, 225-257.

Fox, A. & Dodd, B. (1999). Der Erwerb des phonologischen System in der deutschen Sprache. Sprache, Stimme, Gehör, 23, 183-191.

Fraisse, P. (1985). Psychologie der Zeit. München: Reinhardt.

Fromkin, V.A. (Ed.) (1973). Speech Errors as Linguistic Evidence. Den Haag, NL: Mouton.


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Spracherwerb

Literatur

Ingram, D. (1974). Phonological rules in young children. Journal of Child Language, 1, 49-64.

Ingram, D. (1989). First Language Aquisition. Cambridge, UK: Cambridge University Press.

Kegel, G. (1996). Was kann die Spracherwerbsforschung aus der Sprachpathologie-forschung lernen? – Das Beispiel der Zeitverarbeitung. In Ehlich, K. (Hrsg.), Kindliche Sprachentwicklung: Konzepte und Empirie. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Kegel, G., Dames, K. & Veit, S. (1988). Die zeitliche Organisation sprachlicher Strukturen als Sprachentwicklungsfaktor. In Kegel, G., Arnhold, T., Dahlmeier, K., Schmid, G. & Tischer, B. (Hrsg.), Sprechwissenschaft und Psycholinguistik, 2. Opladen: Westdeutscher Verlag.


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Spracherwerb

Literatur

Meringer, R. & Mayer, K. (1895). Versprechen und Verlesen – Eine psychologisch-linguistische Studie. Stuttgart: Göschen‘sche Verlagshandlung.

Schade, U., Berg, T. & Laubenstein, U. (2003). Versprecher und ihre Reparaturen. In: Rickheit, G., Herrmann, T. & Deutsch, W. (Hrsg.), Psycholinguistik – Psycholinguistics (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft) (S. 317-338). Berlin: Mouton de Gruyter.

Stampe, D. (1973). A Dissertation on Natural Phonology. Univ. of Chicago.

Stemberger, J.P. (1992). A connectionist view of child phonology. In Ferguson et al. (Eds.), Phonological Development. Timonium, MD: York Press.


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Spracherwerb

Literatur

Stoel-Gammon, C. (1985). Phonetic Inventories, 15-24 Months: A Longitudinal Study. Journal of Speech and Hearing Research, 28, 505-512.

Szagun, G. (1996). Sprachentwicklung beim Kind. Weinheim: Beltz, 6. Auflage.

Vihman, M. (1996). Phonological Development. Cambridge, MA: Blackwell Publishers.


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